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Samstag, 29. Oktober 2011

Wieder online!

Liebe Leserinnen und Leser,
nachdem ich meine Webseite wegen eines Anbieterwechsels vom Netz genommen hatte, war ich eigentlich soweit, es dabei zu belassen. Ich dachte, das Interesse an 'Dreimal Hollywood und zurück' sei erschöpft - aber ich hatte mich getäuscht. Es erreichten mich einige E-Mails von Lesern, die mich baten, die Geschichte weiterhin kostenlos im Internet anzubieten. Nach einigem Überlegen habe ich mich dazu entschlossen, die Webseite in einem anderen Format, nämlich als Blog, wieder aufleben zu lassen.

Ich möchte mich herzlich bei denen bedanken, die mich dazu bewegt haben,  http://www.hollywood-online-roman.de/ wieder zu aktivieren und weiterzuführen.

Monique Mayance, im Oktober 2011

Dreimal Hollywood und zurück



Monique Mayance


Dreimal Hollywood
und zurück


Even if you produce stuff,
that’s interesting to nobody
but yourself,
the activity justifies itself.

Viggo Mortensen


PROLOG



DIE KOFFERSCHLÖSSER rasten mit einem lauten Klacken ein, das ihr durch Mark und Bein geht. Sie holt tief Luft und schließt für einen Augenblick die Augen – als wolle sie daraus die Kraft schöpfen, das zu Ende zu bringen, was eigentlich schon vor langer Zeit zu Ende war. Mit steifem Rücken richtet sie sich auf. Sie schaut sich um, ob noch etwas herumliegt, das sie vergessen hat. Aber außer ihrer Jacke und ihrem Lederrucksack ist nichts mehr von ihr in dem Raum, der lange Jahre ihr Schlafzimmer war.
Ein Hauch von Wehmut überkommt sie – packt sie, nur für einen kleinen Moment und ruft ein komisches Gefühl im Bauch hervor. Das war’s also ... ihre Vergangenheit liegt vor ihr – verpackt in einen Koffer.
Im nächsten Moment huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie hat guten Grund sich auf das Kommende zu freuen. Reflexartig streicht sie mit der rechten Hand ihre Haare zurück, wuchtet den Koffer vom Bett und trägt ihn in den Flur. Die braunen langen Locken fallen ihr störrisch wieder ins Gesicht. Die Mähne nervt sie schon seit einiger Zeit. Immer mal wieder hat sie überlegt, sich die Haare kurz schneiden zu lassen. Aber alle Freunde und Verwandten hatte auf sie eingeredet, es bloß nicht zu tun, sobald sie darauf zu sprechen kam.
Irgendwann würde der richtige Zeitpunkt dafür gekommen sein. Sie ist überzeugt, dass sie instinktiv spüren wird, wenn er naht. Dann wird sie sich in die Gesellschaft der gepflegten Damen mittleren Alters mit den modischen Kurzhaarfrisuren begeben. Der Gedanke daran erschreckt sie. Aber noch ist sie weit von diesem Punkt entfernt.
Während sie unruhig in der Wohnung umher läuft, dabei wieder einmal nachschaut, ob die Kaffeemaschine aus und die Terrassentür zu ist, fragt sie sich zum x-ten Mal, ob sie wirklich das Richtige tut. In den vergangenen Monaten hat sie gegen jegliche Regeln der Vernunft verstoßen und viele Menschen verletzt – aber vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie das getan, was alleine für sie das Beste ist, ohne Rücksicht auf andere.
Es hupt draußen. Das Taxi. Sie winkt dem Fahrer am Fenster und bedeutet ihm, dass sie gleich kommen wird. Es bleibt ihr keine Zeit, ihre Gedanken weiter zu spinnen. Sie schaut sich noch einmal um, sieht die Fotos an der hellgelben Wand, die sie erst vor einem Jahr gestrichen hat. Ihr Blick bleibt an einem roten Spielzeugauto hängen, das Tom wieder entgegen aller Regeln im Wohnzimmer stehen gelassen hat. Normalerweise reagiert sie ärgerlich auf solche Verstöße, aber heute gelten die üblichen Regeln nicht mehr. In ihrem Kopf herrscht Chaos.
Fang jetzt ja nicht an zu heulen, du blöde Nuss, schimpft sie sich selbst als sie merkt, wie ihr die Tränen kommen, du hast es nicht anders gewollt. Entschlossen reißt sie ihren Blick los, nimmt den Koffer, ihre Jacke und den Rucksack und geht zum Taxi. Ihre restlichen Habseeligkeiten, verpackt in mehrere Kisten und Koffer, hat sie schon vor Tagen am Frankfurter Flughafen aufgegeben. Sie haben wohl schon ihr Ziel erreicht und warten darauf, in der Fremde wieder von ihr in Besitz genommen zu werden. Es hat etwas Beruhigendes zu wissen, dass dort schon etwas ist, was ihr vertraut ist.

Das Packen hatte ihr tagelang zu schaffen gemacht. Was nimmt man mit, wenn man ein neues Leben anfängt? Sie war kein Mensch, der sich gut von irgendetwas trennen konnte. So verbrachte sie Stunden damit darüber nachzudenken, ob sie diese oder jene Kleinigkeit mit hinüber in eine neue Zukunft retten sollte oder nicht.
Ihr altes rotes Tagebuch, das noch aus Teenager-Tagen stammte, fiel ihr beim Ausmisten in die Finger. Mit einer Haarnadel öffnete sie das Schlösschen. Der Schlüssel dazu war schon seit vielen Jahren verschwunden. Sie überflog Seiten mit der etwas krakeligen Mädchen-Handschrift, blieb an der einen oder anderen Stelle hängen und las ihre eigene Geschichte. Fast kam es ihr vor, als wäre es die Geschichte von jemand anderem, so lange war das alles her. An viele Sachen konnte sie sich gar nicht mehr erinnern. Aber andere waren in ihrem Gedächtnis, als wären sie erst gestern passiert.
Monatelang hatte sie täglich über einen Jungen geschrieben, in den sie unsterblich verliebt war. Jedes kleine Detail hatte sie festgehalten. Er hatte ihr immer wieder Hoffnungen gemacht, es war sogar einmal etwas zwischen ihnen gelaufen, ab und zu ein bisschen kutschen und fummeln – aber mit ihr gehen wollte er nicht. Sie war damals zutiefst verletzt gewesen, konnte es aber einfach nicht lassen, ihm weiter hinterher zu laufen. Jedes Lächeln, jedes Wort, gab ihr Anlass zu neuer Hoffnung. Es dauerte fast ein Jahr bis sie einsah, dass er nur mit ihr spielte. Andere Jungs und Männer kamen und gingen, aber vor einigen Jahren, als sie seinen Namen in einer Hochzeitsanzeige in der Zeitung las, dachte sie wieder mit Traurigkeit an ihre erste große Liebe zurück.
Sie brachte es nicht fertig, das Tagebuch in den Mülleimer zu werfen. Ebenso wenig wie die große Menge an Briefen von Menschen, die ihr einmal etwas bedeutet hatte. Beim Packen kramte sie diese wieder hervor, saß versunken im Chaos und las. Beim Lesen hatte sie das Gefühl, etwas Besonderes in den Händen zu halten. Wer schrieb heute schon noch Briefe?

Im Taxi muss sie sich beherrschen, nicht zurück zu blicken. Ihr Augenmerk sollte jetzt dem gelten, was vor ihr liegt. Trotzdem schleicht sich Tom in ihren Kopf. Sie hat das Abschiedszenario vom Morgen wieder vor Augen.
»Mami, warum kannst du denn nicht hier bleiben?«, hatte er sie schon wieder gefragt, während er seine Jacke anzog. Seine Augen schimmerten verdächtig, aber er wollte jetzt nicht vor seiner Mutter heulen. Auch sie musste die Tränen herunter schlucken.
»Tom, das habe ich dir doch alles erklärt.« Sie hatte ihn eindringlich angesehen. »Bald hast du Ferien, dann kommst du mich besuchen, ja? Und wir telefonieren jeden Tag, ich verspreche es! Denk daran, dass ich immer für dich da sein werde. Wenn etwas ist, kann ich in weniger als zwölf Stunden bei dir sein. Lass jetzt mal ein paar Wochen rumgehen und dann können wir in den Ferien darüber reden, ob du zu mir ziehst, ja? Machen wir’s so?«
»Okay, Mami. Aber vergiss nicht, mich jeden Tag anzurufen.«
»Natürlich nicht. Du bist das Erste, an das ich morgens denke. Du musst jetzt aber los, sonst kommst du zu spät zur Schule. Ich hab’ dich lieb, mein Schatz.«
Beim Umarmen konnte er die Tränen schließlich nicht mehr zurückhalten, er schniefte, wischte mit dem Ärmel über die Nase und ärgerte sich offensichtlich ein bisschen über sein Heulen. Auch ihr liefen die Tränen die Backen hinunter. Sie schwankte, eine Sekunde überlegte sie, alles rückgängig zu machen. Aber nein, das war unmöglich, vorbei. Außerdem wollte sie das auch gar nicht. Sie war fest überzeugt, dass dies ihre einzige Chance war, aus ihrem eingefahrenen Leben auszubrechen und noch mal von vorne anzufangen. Die wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Sie redete sich ein, dass für Tom gut gesorgt war, und er in zwei, drei Jahren sicher sowieso nichts mehr von ihr wissen wollte, weil er nur mit seiner Klicke unterwegs sein würde. Vielleicht würden sie beide unter diesen Umständen aber auch ein viel besseres Verhältnis haben, weil sie die unweigerlich anstehenden Machtkämpfe nicht ausfechten und die Krisen in der Pubertät nicht durchstehen mussten? Und außerdem gab es ja auch die Möglichkeit, Tom zu sich zu holen, wenn sie selbst erst einmal in der neuen Welt Fuß gefasst hatte.
 Sie konnte sich noch so viel Positives einreden, ihr Gewissen ließ sich aber nicht auf stumm schalten. Es flüsterte immer wieder Rabenmutter, Rabenmutter, Rabenmutter …

Irgendwie ist sie froh, dass der Tag X nun endlich gekommen ist, an dem es keine Umkehr mehr gibt. Tom zurückzulassen fällt ihr nicht leicht, aber eigentlich hatte er immer ein viel besseres Verhältnis zu seinem Vater gehabt als zu ihr. Sie hatte sich immer eine Tochter gewünscht, doch ihr Mann hatte nach Tom keine Kinder mehr gewollt. Es war ihr immer schwer gefallen, mit Tom zu spielen, seiner Wildheit zu begegnen. Viel lieber hätte sie mit einem kleinen Mädchen Puppen angekleidet als mit einem wilden Burschen Autos durch die Gegend zu schieben oder Fußball zu spielen.
Die Bäume rasen an der Scheibe vorbei, durch die sie zum letzten Mal für lange Zeit die ihr so vertraute Umgebung sieht. Eigentlich nimmt sie die Umwelt nicht wirklich wahr, sieht nicht, dass das Laub sich bereits bunt gefärbt hat und dass die Sommerblumen am Ende ihrer Kräfte sind.
Ihre Gedanken kreisen jetzt um ihn.
Gestern Abend hatte er noch einmal angerufen um ihr zu sagen, wie sehr er sich auf sie freute. Kaum hatte sie seine Stimme am anderen Ende der Leitung gehört, waren alle Zweifel wie weggewischt. Zumindest für die nächsten Augenblicke. Die Freude darauf, ihn endlich wieder zu sehen, verdrängte alle negativen Gedanken.
Nur noch ein paar Stunden, denkt sie aufgeregt, während das Taxi mit 150 Sachen über die Autobahn braust. Beim Gedanken an ihre erste Begegnung mit ihm lächelt sie unwillkürlich vor sich hin, obwohl ihr heute gar nicht wirklich zum Lachen zu Mute ist.